Andacht zum Sonntag Exaudi

"In Herz und Gewissen geschrieben"

MEDITATION

Jeder von uns ist anders. Jeder hat seine Geschichte, seine Prägung. Jeder reagiert anders.
Ein Teil in uns ist vielleicht ängstlich, besorgt. Alte Stimmen aus längst vergangenen geglaubter Zeit melden sich: „Tu das nicht! Sei vorsichtig! Die Welt ist schlimm und gefährlich.“
Ein Teil in uns rebelliert dagegen möglicherweise. Das kleine Kind, das nicht einsieht, sich zu fügen. Die Stimme, die die Regeln hinterfragt; der Teil, der FREI sein will.
Gibt es auch den rigiden, den strengen Teile in uns? Den Anteil, der darum weiß, dass es Regeln geben muss und dass sie eingehalten werden müssen. Den Teil, der auch von anderen erwartet, dass sie so handeln, wie WIR das für richtig halten. Weil das Leben nun mal nicht nur Spaß ist!
Manches Mal ist da auch ein Teil, der das alles irgendwie „spannend“ findet. Wie ein Kind ein „Spiel“ daraus machen. Den Mundschutz lustig bemalen oder ein Herzchen darauf machen. Hauptsache es geschieht was - egal was.
Und manchmal sind wir vielleicht einfach weg - blenden all das aus und machen „unser Ding“. Einfach nur leben; Alltag. Auch einmal nicht ständig an Corona denken.
All das geht durcheinander, alle diese Stimmen, all diese Haltungen.

DANK

Aber es gibt ja auch das andere. Die schönen und guten Erfahrungen.
Wir dürfen wieder im Biergarten sitzen, sogar ohne Maske - zumindest am Platz. Ein wenig fühlt es sich schon wieder normaler an, jedenfalls, wenn die Sonne scheint.
In der Natur draußen ist alles vergessen. Gott sei Dank! Wir können wandern oder joggen oder radeln, die frische Luft genießen und die Lebensgeister in unserem Körper spüren; die Wärme der Sonne und ihr Licht. Das Blühen der Blumen und das Gezwitscher der Vögel.
Wir dürfen stolz darauf sein, dass wir in unserem Land die Infektionszahlen so dermaßen gut in den Griff bekommen haben, dass wir jetzt auch wieder ein wenig locker lassen können und dürfen.
Wir spüren trotz Abstand, wie wir aufmerksamer auf andere Menschen schauen. Wo kein Händeschütteln möglich ist, sind Lächeln und Zuwendung umso herzlicher. Wir sehen manche Berufe und manche Lasten in unserer Gesellschaft in einem neuen Licht und wissen Sie wertzuschätzen.
All das ist ein Grund zum Dank. Zum Dank an Gott.

LESUNG: JEREMIA 31,31-34

31 »Gebt Acht!«, sagt der Herr. »Die Zeit kommt, da werde ich mit dem Volk von Israel und dem Volk von Juda einen neuen Bund schließen. 32 Er wird nicht dem Bund gleichen, den ich mit ihren Vorfahren geschlossen habe, als ich sie bei der Hand nahm und aus Ägypten herausführte. Diesen Bund haben sie gebrochen, obwohl ich ihnen doch ein guter Herr gewesen war. 33 Der neue Bund, den ich dann mit dem Volk Israel schließen will, wird völlig anders sein: Ich werde ihnen mein Gesetz nicht auf Steintafeln, sondern in Herz und Gewissen schreiben. Ich werde ihr Gott sein und sie werden mein Volk sein«, sagt der Herr. 34 »Niemand muss dann noch seinen Nachbarn belehren oder zu seinem Bruder sagen: ›Lerne den Herrn kennen!‹ Denn alle werden dann wissen, wer ich bin, von den Geringsten bis zu den Vornehmsten. Das sage ich, der Herr. Ich will ihnen ihren Ungehorsam vergeben und nie mehr an ihre Schuld denken.«

1.

„Alter Bund“ und „Neuer Bund“ – das stellt der Prophet Jeremia in seinem Text einander gegenüber. Die „alte“ Art und Weise, auf die Regeln des Zusammenlebens zu schauen, ist in Stein gemeißelt wie die zwei Tafeln der Gebote. Stein – das klingt hart und starr. Formal, am Buchstaben des Gesetzes „fest gemacht“. Und auch gegenseitig weisen sich die Menschen zurecht: „Lern Du erst mal den Herrn kennen!“ so belehren sie sich gegenseitig.

Kommt uns all das nicht vertraut vor in der gegenwärtigen Zeit? Wirkt da nicht auch sehr vieles „hart“ und starr? Gesetze und Regeln, Verordnungen und Verbote, und all das immer und überall. Schert jemand mal aus – und sei es ohne Absicht – wird der andere zurecht gewiesen. Und wer genau hinschaut, nimmt wahr, wie auch die Menschen innerlich „verhärten“ und verkrampfen. Nicht nur jene, die starr an den Regeln festhalten, sondern auch die, die ängstlich reagieren. Auch sie sind ja angespannt. Es ist wie mit einem Muskel beim Sport: Wenn er zu lange unter Anspannung steht, droht ein Krampf, droht die Erschöpfung.

Wie anders ist, was Jeremia vom Neuen Bund erzählt. Ins Herz und ins Gewissen soll er geschrieben sein. Nicht im Außen von Gesetzestafeln, nicht von außen in der Anweisung oder gar Zurechtweisung anderer kommt dieser Bund, sondern ganz tief in unserem Innersten. Herz und Gewissen sind der tiefste Urgrund unserer Existenz. Dort, wo meine ganz eigene Lebensenergie wohnt, dort, wo die innere Stimme mir sagt, was recht ist und was nicht – genau dort will Gott seinen Bund verankern. Das ist etwas höchst Individuelles. Und das ist etwas höchst Körperliches. Ein solcher Bund ist nicht denkbar ohne Emotion, ohne Zärtlichkeit, ohne Gefühl.

Wenn wir nun in den nächsten Wochen auf stufenweise Lockerungen in der Corona-Krise zugehen, dann wird es genau auf diese Haltung ankommen. Denn die allgemeinen gesetzlichen Verordnungen werden sich wandeln in eine neue Dimension von Ver-Antwortlichkeit. Jeder Einzelne wird gefordert sein, aus der tiefen Verantwortung für Mitmenschen und seiner Verantwortlichkeit gegenüber dem Gewissen zu entscheiden, wie man durch dieses Leben gehen kann in dem Bewusstsein, dass das Risiko einer Infektion noch längere Zeit gegenwärtig sein wird. Aber eben in völlig unterschiedlicher Weise. Im kleinen privaten Bereich anders als bei einer Feier, beim Gehen durch die Straßen völlig anders als im Stadion oder in der Disko. In der Stadt Regensburg anders als in Cham oder in Italien oder in Tschechien. Im Auto anders als im Flieger.

3.

Das Alte Testament spricht vom Shalom, vom Frieden. Aber genau genommen meint dieser Begriff viel mehr, nämlich ein intaktes und versöhntes Verhältnis des Menschen mit Gott und zwischen den Menschen untereinander. Versuchen wird dieses versöhnte Verhältnis Tag für Tag in unserem Alltag durch zu buchstabieren. Hören wir dabei genau hin auf die Stimme unseres Gewissens und auf die Stimme unseres Herzens.

GEBET

Barmherziger Gott, ein weiches und ein liebendes und Vertrauen des Herz: diese Erfahrung wünschen wir uns. Wir danken dir dafür, dass du uns das zusagst und uns diese Erfahrung schenken willst.
Wir bitten dich für unsere Gesellschaft in dieser Zeit: Schenke den Verängstigten, aber auch den Verhärteten dieses vertrauende Herz. Lass die Menschen offen und herzlich und gelassen und fröhlich werden, denn du willst das Leben und nicht die Angst.

Wir bitten dich für die, die auf die unterschiedlichste Weise Opfer dieser Zeit werden:
die Pflegekräfte und Ärzte überall im Land,
die, die an den Kassen und im Transport alle Lasten tragen,
die, die daheim bleiben und die Kinder betreuen müssen
die, die einfach vergessen werden, weil sie verborgen sind.
Tritt in ihr Leben mit deiner Nähe und mit deiner Kraft.

Wir bitten dich auch für uns: so viele Stimmen sind in uns. Vieles ist widersprüchlich und unklar. Schenke uns Orientierung, aber auch Offenheit und Vertrauen.

Gott, du hast das Volk Israel aus der Gefangenschaft geführt - in die Freiheit. Wir bitten dich: Sei du auch bei uns, und zeige uns die neue Welt, die du für uns bereit hältst. Amen.

Ihr Pfarrer
Martin Schulte

 

c/o Evang.-Luth. Dreieinigkeitskirche Regensburg, Dechbettenerstraße 2a, 93049 Regensburg